Zauberhafter Jakobsweg – von der Freiheit, einfach zu laufen

pilgerportraetWas ist denn so Besonderes am Jakobsweg?

Warum tust du dir das an?

Ist das nicht langweilig? Und furchtbar anstrengend?

Das sind die Fragen, die ich in den letzten Wochen vor meinem Jakobsweg am öftesten gehört habe. Jetzt bin ich gut vier Wochen gewandert, gepilgert und hier ist meine ganz persönliche, unvollständige Version einer Erklärung:

Ja, die erste Woche ist anstrengend und auch durchaus ein wenig (oder auch mehr) schmerzhaft. Der Körper braucht – je nach vorherigem Training – ein paar Tage, um sich an mehrstündige Wanderungen und den kiloschweren Rucksack zu gewöhnen. Die Füsse, Beine und Hüften tun weh, manch einer kämpft mit Blasen an den Füssen. Die Schultern ächzen unter dem nun tatsächlichen Gewicht des Gepäcks und der Verstand schreit ständig dazwischen „was machst du denn für einen Mist? Könntest jetzt gemütlich am Strand liegen anstatt dich hier abzuplagen!“

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In den Herbergen teilt man sich Duschen, Toiletten und Schlafräume mit den ganzen anderen Verrückten. Immer ist mindestens einer dabei, der schlimm schnarcht und dich von deinem dringend benötigten Schlaf abhält. Die Matratze ist nicht so bequem wie zuhause und das Kopfkissen passt auch nicht. Rückzug und Intimsphäre ist hier nur bedingt möglich. Und natürlich ist da immer einer, der schon vor der Morgendämmerung beginnt in seinem Rucksack herumzukruschteln und so alle anderen viel zu früh aufweckt.

Und dann kommt der erste Tag, an dem du morgens aufwachst und dich gut fühlst – ausgeschlafen, schmerzfrei und voller Tatendrang. Das ist irgendwann zwischen Tag 5 und Tag 8. Du merkst, dass der Schlafsaal schon halb leer ist (und du nichts mitgekriegt hast, sondern selig geschlummert hast) und du schon früh ein Grinsen auf dem Gesicht hast. Der Köprer hat sich erholt und tut nicht weh. Jetzt beginnt der eigentlich Weg.

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Deine Aufmerksamkeit verlagert sich peu à peu von aussen nach innen. Du hörst auf, dich mit deinen Wehwehchen zu beschäftigen und der Widerstand gegen alles was ist beginnt zu schwinden. Und plötzlich merkst du, wie wundervoll der heisse Milchcafé am Morgen schmeckt. Welches Glück ein Sonnenaufgang bescheren kann. Wie befreiend es ist, einfach nur einen Fuss vor den anderen zu setzen und sich um nichts anderes kümmern zu müssen. Wie wohltuend es ist, die Sonne zu spüren. Tief gefühlte Dankbarkeit durchströmt dich, wenn kühles Wasser deinen Durst stillt, kerzengerade gewachsene Eukalytusbäume die Luft erfrischen, die du tief einsaugen kannst und sanfter Wind deine Stirn trocknet.

Du fühlst Leben. Echtes Einfaches Leben. Nicht mehr, nicht weniger.

Dein Verstand hält einmal für einen kleinen Moment den Rand und du erkennst ganz tief in dir drinnen, dass Leben auch ganz anders sein kann, als du es gewohnt bist. Du erkennst die Fülle und begreifst, wie du dir durch deine Fixierung auf das, was vermeintlich fehlt dein Leben unnötig schwer machst. Du  spürst die Verbindung zur Natur, empfindest dich als Einheit mit dir selbst, dem Wald, dem Meer, dem Himmel…….Das Leben erscheint dir als Geschenk, als Gabe und dann, dann macht es „plopp“ und dein Herz geht auf.

Plötzlich spürst du es fliessen. Einssein. Glück. Freiheit. Liebe.

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Es ist schwer, Worte zu finden für etwas, für das es keine Worte gibt. Jeder darf es selbst fühlen und erleben. Auf dem Jakobsweg ist es relativ einfach an dieses Gefühl zu kommen. Warum? Ich denke, zum einen gibt es auf diesen Wegen tatsächlich eine besondere Energie, einfach dadurch, dass seit Jahrhunderten Menschen in Kontemplation und Meditation dort gehen. Und zum anderen erlauben die Umstände es, loszulassen. Die atemberaubend schöne Natur begünstigt die Verbindung und die mittlerweile sehr gut ausgebaute Infrastruktur erlaubt das Loslassen.

weites-landSo stehst du morgens auf und gehst. Wenn du Hunger hast, dass isst du in einer kleinen Bar etwas oder du kaufst dir etwas in einem Laden und picknickst unterwegs. Und du gehst. Manchmal triffst du andere Pilger. Man grüsst sich. Es passt und man läuft eine Strecke zusammen, oder es passt nicht und jeder bleibt für sich. Keine „Benimmregeln“ zu beachten. Und du gehst. Irgendwann kommst du an deinem heutigen Ziel an, bekommst ein Bett und hast für eine Nacht ein „Heim“ gefunden. Rucksack runter, Schuhe aus – ahhh!! Die Segnung einer heissen Dusche lässt dich wohlig aufseufzen und du versprichst dir selbst, dies nie wieder für etwas Selbstverständliches zu halten.

Wer mag kann sich in den Herbergen mit anderen Pilgern anfreunden, austauschen, beraten. Es ist erstaunlich, welch tiefe Verbindungen hierbei zustande kommen können – auch wenn sie meist nur ein paar Stunden oder Tage halten. Wer lieber für sich bleiben möchte, auch kein Problem. Der Umgang miteinander ist respektvoll. Meistens jedenfalls. (Natürlich gibt es auch unter Pilgern solche und solche.) Wenn sich dann zwei Pilger irgendwann später auf dem Weg wieder treffen, dann ist die Wiedersehensfreude meist gross und man hat durchaus den Eindruck, den anderen schon ein Leben lang zu kennen.

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Als Pilger hast du Gelegenheit, einen Landstrich einmal ganz anders kennen zu lernen. Du bewegst dich so langsam und hast dadurch Zeit, alles ganz anders aufzunehmen. Du siehst, hörst, riechst, schmeckst und fühlst, wie die Menschen hier leben. Grosse und kleine Städte, winzige Dörfchen, Bauernhöfe,Klöster, steile Küsten, Strände, Fischerboote – Kultur, Natur, Geschichte, Heute und Gestern, Arm und Reich, Händler, Wirte, Fischer, Priester – all das begegnet dir, bietet sich dar und an dir ist es, was du daraus machst. Jeden Augenblick kannst du dich entscheiden: wie sehe ich meine Welt?

Wann hat man schon mal so viel Zeit? Es ist einfach wundervoll.

Tja, und irgendwann bist du dann da. Santiago de Compostela. Freude, Stolz, Traurigkeit – ein ziemlich überwältigendes Gefühlsmischmasch. Frisch angekommene Pilger kann man auf den ersten Blick erkennen. Die Gesichter spiegeln die Anstrengungen der letzten Tage und Wochen wider, gepaart mit dem Stolz, das gesteckte Ziel erreicht zu haben. Die Erleichterung vermischt sich mit Traurigkeit, denn nun ist der Moment gekommen, wieder einen Teil seiner Identität aufzugeben. Ab heute bist du kein Pilger mehr – du lässt diesen Teil von dir hier in der Kathedrale zurück. Und doch ist da auch diese überschäumende Freude.

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Die Stadt ist viel zu voll. Viel zu laut. Viel zu viele Menschen. Zu viel Verkehr. Verloren und überwätigt gehst du durch die Gassen, fast erschlagen vom Angebot der Läden und der Vielzahl der Restaurants. Und dann gibt es auf einem grossen Platz ein klassisches Konzert – melodiöse Klarinetten, saftes Saxophon, temperamentvolle Trompeten und dazu Pauken und Becken – bekannte Overtüren und spanische Zarzuelas wechseln sich ab. Du gibst dich dieser Musik hin, schliesst die Augen, Tränen steigen auf und gleichzeitig löst sich deine Spannung. Du lässt den Weg los, der Weg lässt dich los. Danke Santiago de Compostela.

Jetzt kann ich wieder zurück. Vieles nehme ich mit. Und manches habe ich auf dem Weg zurückgelassen. Mein Rucksack ist jetzt leichter und mein Geist offener. Jetzt beginnt der eigentliche Weg. Zuhause. Im Alltag. Hast du was gelernt?