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Mit Fritz über die Südinsel – Castle Rock, Arthur’s Pass und Pancake Rocks

Frisch durchgecheckt, repariert und vollgedankt präsentiert sich der kleine grüne Ford, nimmt willig mein Gepäck und mich auf und los geht’s, um gemeinsam ein weiteres Stück Neuseeland zu erkunden!

Es ist immer aufregend, einen neuen Reiseabschnitt zu beginnen. Jedes Mal ist es wieder ganz anders, ich muss mich immer wieder ganz neu einstellen, Vergangenes bewusst hinter mir lassen und mich dem Neuen öffnen. Heute steht der Beginn eines roadtrips an, ich bin zum ersten Mal ganz alleine mit dem Auto unterwegs und habe bis auf Weiteres keine Reisebegleitung, kein „Zuhause“ und auch keinen richtigen Plan, wie wo was jetzt ansteht. Für heute weiss ich lediglich, das ich in Richtung Westen zur Küste fahre. Spannend!

Ich fahre lange Zeit durch Weideland, Rinder, Schafe und viele Pferde, die Farmen werden grösser, liegen weiter auseinander, die Städtchen werden kleiner.

Die Berge, die ich von meinem Zimmerfenster aus sehen konnte kommen nun näher. Vor ein paar Tagen hatte es dort geschneit (!!) und die obersten Bergspitzen sind immer noch weiss betupft. Am Wegesrand finde ich „Perlen“ wie diese hier:

 

 

Dann geht es bergauf. Eine kurvige aber gut ausgebaute Strasse führt mich hinauf und hinter jeder zweiten Kurve muss ich anhalten und ein Foto machen, so schön ist die Landschaft. Meinen ersten richtingen Stopp mache ich bei den Castle Hills. Hier gibt es wunderschöne Kalksteinformationen zu bewundern und zu bewandern. Ein Foto kann leider die Grandiosität dieser Landschaft auch nicht annähernd wiedergeben, hier hab ich aber dennoch ein paar Eindrücke für dich:

Ich könnte den ganzen Tag hier herumwandern, auf die einzelnen Steinbrocken klettern und mir die Welt von da aus anschauen. Und die Aussicht ist rundherum so schön! Ich finde Berge einfach toll. Die Weite im Flachland ist zwar auch schön und hat durchaus etwas Faszinierendes, aber die Berge sind doch noch schöner!

Ich fühle mich herrlich entspannt und……. na ja, irgendwie – frei. Ich kann hier bleiben oder weiterfahren. Ich kann anhalten, wo immer es mir passt. Ich kann Musik hören solange und so laut ich will oder ich kann einfach leise und still sein. Es ist herrlich!! 😀

Ich fühle mich beim Weiterfahren ein bisschen an in die europäischen Alpen erinnert. Das Bergpanorama, die Föhnwolken (die heissen übrigens hier auch so, also Föhn Clouds!!)……, das wird noch verstärkt als ich in ein klitzekleines Dörfchen komme, das aus lauter Ferienhäusern besteht. Und die sehen zum Beispiel so aus:

Die Weiterfahrt ist ein echtes Highlight an Landschaft. Bereits wenige Kilometer weiter komme ich schon wieder an eine interessante Stelle. Hier wurden Teile der Narniafilme gedreht und ich bleibe glücklicherweise auch hier eine Weile und wandere herum, geniesse die warme Sonne und die immer noch grandiose Aussicht.

Inzwischen bin ich schon mittendrin im Arthur’s Pass National Park. Hier würde normalerweise auch ein Zug fahren, der TraNZalpin aber leider wurden durch ein verheerendes Buschfeuer mehrere Brücken und Gleisabschnitte extrem in Mitleidenschaft gezogen oder sogar zerstört, daher fährt der Zug von Christchurch über Arthur’s Pass nach Greymouth im Moment nicht. Allerdings ein echter Knaller für Eisenbahnfans! Ich glaube, ich komm irgendwann nochmal her und mach diese Fahrt. Es ist einfach unglaublich schön hier in den sogenannten „Südlichen Alpen“. Vielleicht sogar im Winter? Im Sonnenschein durch diese Berge zu fahren und das Schneeglitzern im Blick……..atemberaubende Vorstellung!

Im Bergdorf von Arthur’s Pass mache ich Mittagspause. Eigentlich bin ich schon randvoll mit Eindrücken und schönen Bildern und doch ist es erst kurz nach Mittag. Der frühe Vogel … 😀 😀

Ich spaziere ein bisschen im Dorf herum, sitze eine Weile am Fluss und erwandere dann diesen grandiosen Wasserfall am Talausgang. Es geht steil bergauf und ich komm ganz gut ins Schwitzen. Aber es ist ein wunderschöner Weg und nach dem ganzen Autofahren eine wahre Wonne. Irgendwo  unterwegs komme ich an diesem lustigen Schild vorbei (zur Erklärung: Kiwi ist ein in Neuseeland beheimateter einzigartiger Vogel. Er hat keine Flügel, ist unscheinbar braun und nachtaktiv. Das heisst, man bekommt ihn praktisch nie zu sehen. Dennoch haben die Neuseeländer ihre Kiwis lieb und diese sogar zu ihrem Wappentier erkoren. Die bei uns so beliebte Kiwi (Frucht) heisst hier richtigerweise Kiwifruit. Also auch die neuseeländischen Hunde killen keine Kiwifrüchte, sondern nur Kiwivögel) 😉

Ich verschone dich jetzt mal mit weiteren Fotos von Grün und Bergen und Aussicht, sonder präsentiere ein Stück aufregender neuseeländischer Ingenieurskunst, den Otira Viadukt! (Mit Aussicht, hihi). Das ist mal eine Riesenbrücke, sehr hoch und sehr freistehend! 440 m lang und rund 40 m hoch und ich ganz alleine auf dieser grossen Brücke. Ziemlich mulmiges Gefühl wenn man da darüber fährt.

Eine weitere verkehrstechnische Besonderheit sind die sogenannten „one lane bridges“, also Brücken mit nur einer Fahrbahn. Das kann eine Minibrücke über irgendeinen kleinen Bach sein oder auch eine superlange Brücke über einen breiten Fluss. Es gibt nur eine Fahrspur und du kannst dir sicher sein, dass du seit dreissig Minuten kein Auto gesehen hast aber trotzdem an der nächsten Brücke mit Sicherheit Gegenverkehr hast! Ist kein grosses Problem, denn die Vorfahrt ist geregelt, das Verkehrsaufkommen mehr als übersichtlich und schliesslich hat man ja auch keine Eile, sondern kann schnell noch ein paar Fotos schiessen während man wartet. 😉 Aber speziell ist es auf alle Fälle, zumal es tausende dieser Brücken im ganzen Land gibt. (Genauer gesagt, es gibt so gut wie keine anderen ausser in den richtig grossen Städten.)

Beim Schiessen des Viadukt Fotos bekomme ich Besuch von einem Kea (Vogel). Ich bin ganz aufgeregt und fange sofort an, Fotos zu machen. Diese Vögel sind nicht besonders scheu, sondern bereits sehr an Menschen gewöhnt. Sie kommen mit Vorliebe zu Park- und Picknickplätzen, wo sie leider oft gefüttert werden oder im Müll nach Futter suchen. (Das Fressen der ungewohnten Nahrung führt in sehr vielen Fällen zum Tod des Tieres). Mein Exemplar hier hat noch zwei Freunde mitgebracht und gemeinsam machen sie sich daran, die Gummis an meinen Autoscheiben abzuknabbern. Einer versucht ernsthaft in das Innere des Wagens zu kommmen. Frech wie Oskar, die Biester!

Es ist schon ziemlich spät am Nachmittag als ich an der westlichen Küste ankomme. An der Kumara Junction muss ich eine Entscheidung treffen: nördlich zu den Pancake Rocks (eine weitere Kalksteinformation) oder gleich südlich in die eigentliche Fahrtrichtung? Dreimal darfst du raten! Pancake Rocks ich komme!! Die Fahrt dauert rund zwei Stunden und geht fast die ganze Zeit an der Küste entlang. Ich bin auf dem berühmten Highway 6, dem längsten Highway der Südinsel. Ganz ehrlich? Dieser Abschnitt hier (er heisst Great Coast Road) steht der berühmten Great Ocean Road in Australien in Nichts nach! Es ist eine wunderschöne Fahrt. Die Sonne steht schon recht tief über dem Meer und taucht die Natur in satte Farben. Glänzende, sattgrüne Blätter, Gräser und Bäume auf der einen Seite und den tiefblauen, glitzernden Osean auf der anderen – das ist ein Schauspiel, das ich so schnell nicht vergessen werde. So was von einer richtigen Entscheidung!

Kurz vor Sonnenuntergang komme ich an den Pancake Rocks an. Du kannst gleich selber schauen, warum die so heissen, wie sie heissen, nämlich Pfannkuchenfelsen.

Der Kalkstein ist in Schichten waagerecht übereinander abgelagert, das macht diese Felsen echt zu etwas Besonderem. Ich hab sowas jedenfalls noch nie gesehen. Das Schattenspiel der untergehenden Sonne macht es noch einmal spezieller und ich bin völlig verloren im Anblick dieses Naturschauspiels. Als die Sonne letztendlich untergegangen ist bin ich rechtschaffen müde und hungrig. Bis zum nächsten Dorf sind es nur ein paar Minuten Fahrt. Das Hostel hat gleich mal ein „no vacancy“ Schild draussen und so fahre ich direkt weiter zum Pub. Ich frage nach einer Unterkunft und der sehr hilfsbereite Kellner telefoniert ein bisschen herum und findet ein günstiges Zimmer für mich. Glücklich bestelle ich mir ein Abendessen und falle geschafft auf einen Stuhl. Was für ein Tag!!

Nach rund fünfzehn Minuten Fahrt erreiche ich das Dörfchen, wo mein Hostel sein soll. Ich fahre die zwei Strassen hoch und runter (es ist stockdunkel und natürlich ist kein Mensch auf der Strasse) und das einzige einem Hotel ähnelnde Gebäude ist verschlossen und dunkel. Ich halte trotzdem und gehe zum Hintereingang des Hauses, wo ich Licht sehe. Tatsächlich! Auf mein Klopfen kommt eine ältere Dame angewackelt, die schon auf mich gewartet hatte. Das Hotel sei wegen Umbauarbeiten geschlossen, aber sie würden ein paar Backpackerzimmer und Zeltplätze vermieten. erzählt sie mir. Aha! Oje! Na ja, für eine Nacht….. erfreulicherweise ist das Zimmer einigermassen okay, das Wasser in der Dusche heiss und das Bett gemütlich.

Das war ein langer Tag heute! Ich hab mich kaum ins Bett gekuschelt da bin ich auch schon weggeschlummert. Entsprechend früh bin ich auch am kommenden Morgen wieder wach. Ich spaziere an den nahegelegenen Strand und werde friedvoll, leise und so schön begrüsst. So eine frühe Morgenstimmung hat ja schon auch was! Ganz alleine schlendere ich am Strand entlang, lausche dem plätschernden Flüstern des Ozeans und schaue dem jungen Tag beim Aufwachen zu. Der Dunst verzieht sich, die Farben kehren zurück. Noch ist es kühl und schattig, da die Sonne es noch nicht bis über die Berge geschafft hat, aber der Tag ist da und damit ein neues, noch leeres Blatt in meinem Buch……

 

 

Ein Quad, ein Pick-up und ein Pferd – Northern Canterbury

Schon früh am Morgen sitze ich im Fernbus nach Christchurch und fahre einem neuen Abenteuer entgegen. Dieses Mal ist mein Ziel eine Pferdefarm in Northern Canterbury. Ich werde für rund zwei Wochen hier sein, solange die Besitzer verreist sind. Na, mit Pferden kenne ich mich zumindest besser aus als mit Bullen! 😉

Die Fahrt führt durch ein wunderschönes Gebiet, kilometerlange Waldstrecken, Berge, Schluchten und immer wieder schöne Ausblicke. Zum ersten Mal sehe ich auch diese breiten Flussbette, die für Neuseeland so typisch sind. Breit ausgewaschen und mit grossen Kieseln und Brocken durchsetzt ziehen sie sich wie graue Bänder durch das Land. Jetzt im Sommer führen die Flüsse nicht so viel Wasser, aber an der Breite des ausgewaschenen Bettes kann man sich ausmalen, mit welcher Wucht und Kraft das Wasser hier nach der Schneeschmelze entlang donnern muss.

Es tut mir ziemlich leid, dass ich so einen grossen Teil des Landes bloss schnell mit dem Bus durchfahre und nicht so richtig erleben kann, aber irgendwie geht nicht alles. Ich muss mich immer wieder entscheiden, was ich erleben und erfahren möchte, wo ich länger bleiben will und wo ich eben auch mal nur durchfahre. Das ist gar nicht so einfach und für mich eine echte Herausforderung, zumal ich diese Entscheidungen meist aufgrund keiner Fakten, also quasi aus dem Bauch heraus treffen muss.

Im Bus komme ich mit einer älteren Dame ins Gespräch. Sie macht diese Busfahrt öfters, da sie früher hier in der Gegend gewohnt hat, nun aber in Nelson lebt. Sie erzählt mir, dass sie durch das schlimme Erdbeben 2011 ihre Farm verloren hat, wie viele andere hier in der Gegend auch. Das Zentrum des Bebens war damals in der Nähe von Christchurch, weniger als eine Autostunde von hier entfernt. Das Zentrum der Stadt wurde komplett zerstört und auch im Umland gab es grosse Schäden. Vor ein paar Tagen hat es Christchurch wieder heftig getroffen als ein verheerender Buschbrand mehrere Häuser zerstörte und über tausend Menschen evakuiert werden mussten. Während die Dame mir von ihrer Farm erzählt ist ihr die Trauer deutlich am Gesicht abzulesen.

Wie ausgemacht steige ich in irgendeinem kleinen Städtchen aus und warte bis ich abgeholt werde. Mein Gastgeber, John, übernimmt es dann auch gleich während der Heimfahrt, mir zu erklären, was ……. (hier ist das Tierfuttergeschäft) ich alles machen könnte und …… (hier kannst du gut einkaufen) wo ich überall hinfahren ……. (schau, hier ist das Zentrum) könnte und mir drei verschiedene Wege zur Farm zu erklären. Selbstverständlich vergesse ich alles sofort wieder und nach einer Weile konzentriere ich mich lieber auf die schöne Gegend. Die ist mittlerweile flach und besteht hauptsächlich aus Weideland, ganz im Hintergrund sind relativ hohe Berge zu erkennen.

Die Fahrt dauert vielleicht eine halbe Stunde dann biegen wir zur Farm ein. Ein hübsches, hell gestrichenes Holzhaus mit einem sehr gepflegten Garten aussenherum. Ausgedehnte Pferdekoppeln schliessen sich an, ein paar ziemlich grosse Nebengebäude und eine grosse Reitbahn kann ich auf den ersten Blick erkennen, dann wird meine Aufmerksamkeit von einem schwarz-weissen Fellknäuel in Anspruch genommen. Holly springt mir fast auf den Schoss bevor ich auch nur die Möglichkeit habe, eventuell aus dem Auto zu steigen. Stürmisch wuselt sie um mich herum und so fühle ich mich gleich herzlich willkommen.

Mein Zimmer ist über eine ziemlich steile, schmale Treppe zu erreichen (nicht so einfach mit dem grossen Rucksack!) und ist mal richtig schön! Ein grosses bequemes Bett mit Nachtischchen und Leselampe, ein gemütlicher Sessel und ein grosser Kleiderschrank stellen die Einrichtungdar, farblich aufeinander abgestimmte Stoffe, Bilder an der Wand, Kissen und ein Kuscheltier auf dem Bett runden das Bild ab. Vom Fenster aus habe ich einen wunderschönen Blick über die Pferdekoppeln bis hin zu den Bergen am Horizont.

Inzwischen habe ich bereits Jazz (Hund) und Scoot (Katze) kennengelernt und da Sally (Boss) noch bei der Arbeit ist macht sich John an die Vorbereitungen des Abendessens. Ich darf nicht helfen, kriege aber ein Glas Wein und so setze ich mich an die Frühstücksbar, die die offene Küche einrahmt und plaudere mit ihm. Als Sally nach Hause kommt wirbelt sie unsere Gemütlichkeit gleich einmal geschäftig durcheinander, begrüsst mich ebenfalls sehr locker und freundlich, verlangt auch ein Glas Wein, stöhnt über den Tag, erledigt nebenher drei Anrufe, knuddelt ihren Lieblingshund, zieht sich um und lässt sich irgendwann neben mir auf einen Barhocker fallen nur um gleich darauf wieder aufzuspringen und noch irgendwas anderes zu erledigen und……. uff!!! So viel Aktionismus bin ich ja nun gar nicht (mehr?) gewöhnt. John sieht es cool und lässt sie einfach machen.

Das Abendessen ist sehr lecker und die Unterhaltung einfach und locker. Ich bekomme einen ersten Überblick über meine künftigen Aufgaben, wobei die Praxis dann am kommenden Morgen erfolgt.

Es stehen im Moment neun Pferde hier auf der Farm. Einige sind im aktiven Training, zwei Jungtiere, eine trächtige Stute und zwei alte Tiere, die hier ihre Rente erleben. Jedes Pferd bekommt eine andere, speziell abgestimmte Futtermischung mit diversen Vitaminen und Mineralien versetzt. Ich bin heilfroh, dass es einen schriftlichen Plan gibt, der mir aufzeigt, welches Tier wann welches Futter bekommt! In der Futterkammer stehen ungefähr zwanzig oder dreissig verschiedene Säcke, Fässer, Töpfe, Kanister, Tüten und Dosen! In dem Pferdestall, wo ich gross geworden bin gab es Heu, Stroh, ganzen Hafer, Quetschhafer und Kraftfutter – fertig! Offensichtlich hat sich eben auch im Pferdesport einiges getan……

Eine junge Frau kommt normalerweise zum Helfen von einer Nachbarfarm herüber wenn Sally und John arbeiten. Dieses Mal ist es aber so, dass sie eine Woche in Urlaub fährt genau dann wenn Sally mit ihrem Turnierpferd für eine gute Woche auf die Nordinsel fährt zum „Horse of the Year“. (also zum Verständnis: sie verlädt ihr Pferd in einen Laster und fährt damit rund 800km quer durch das Land – die Überfahrt mit der Fähre nicht zu vergessen – um an einem Turnier teilzunehmen! Zugegeben, eines der wichtigesten Turniere des Landes). Deswegen bin ich jetzt hier und da die junge Frau schon am übernächsten Tag in Urlaub geht und Sally von den Vorbereitungen völlig in Anspruch genommen ist habe ich ein bisschen Druck, alles in Null Komma Nix auf die Reihe zu kriegen. (German Perfektionismus??) 😉

So stehe ich also in aller Herrgottsfrühe auf, um die Zossen zu füttern und die Koppeln abzumisten. Dazu fahre ich mit einem Quad mit Anhänger kreuz und quer über die Koppeln, verteile Futtereimer und Heunetze und sammele dann die zahlreichen Hinterlassenschaften der Tiere ein. Anschliessend werden die Pferde, die über Nacht im Stall waren auf die Weide gebracht, die Ställe ausgemistet und alles ordentlich sauber gemacht. Dann bekommen die Hunde und Katze ihr Frühstück (Holly hat sich ihres schwer verdient: sie rennt immer neben dem Quad her, bellt wie eine Verrückte und versucht in die Reifen zu beissen! Und sie ist sehr stolz auf ihren wichtigen Beitrag zur täglichen Arbeit….) 😉

Bis ich fertig bin wird es allerhöchste Zeit für ein ordentliches Frühstück auch für mich. Danach habe ich frei bis ungefähr vier Uhr. Dann beginnt die Pferdeküche und ich bereite die diversen Spezialmenues zu, bringe sie wieder zu den Tieren auf die Koppel, sammele die leeren Eimer und Netze vom Morgen wieder ein und bereite dann schon das Früchstück für den kommendenTag vor. Wenn das Wetter umzuschlagen droht, sprich Regen oder niederige Temperaturen zu erwarten sind bekommen die Pferde noch eine spezielle (entweder wasserdichte oder wärmende) Decke aufgelegt. Sowieso sind sie alle immer „angezogen“ – zum Schutz vor der Sonne. Kurz vor Sonnenuntergang kommen dann die Stallpferde in die Boxen und der Feierabend wird eingeläutet.

Jedes Pferd hat natürlich seine Eigenheiten: Ruby bekommt bei der Hufpflege oft einen Krampf in den Hinterbeinen. Lexie beisst schon mal, wenn mal nicht aufpasst. Nim testet, ob sie vielleicht der Boss sein kann, indem sie beim Füttern frech wird. Leo „The Chestnut“ versucht, durch das Gatter zu entwischen. Dani ist der unkomplizierteste von allen, hat aber ein akutes und schmerzhaftes Hufproblem. Leo „MacMillan“ ist meist übel gelaunt, Cue, das Baby ist halt ein Baby und daher ein bisschen unberechenbar. Seine Mutter Kate ist wieder trächtig und hochgradig hormonell. Sie ist immer, immer hungrig und wird sehr nervös, sobald jemand mit dem Futter auftaucht. Gleich am ersten Tag steht sie senkrecht über mir und strampelt mit ihren Vorderhufen über meinem Kopf herum. Kleiner Adrenalinstoss!!

Schon am zweiten Tag gehe ich alleine auf die Runden, um Sally zu entlasten, die mit ihren Turniervorbereitungen voll ausgelastet ist. Sie ist ziemlich happy, dass ich gleich gut zurechtkomme und fährt einige Tage später ganz beruhigt weg. John begleitet sie für ein paar Tage, muss aber wegen seines Jobs schon früher wieder nach Hause kommen. So bin ich nur ein paar Tage ganz alleine für die Farm verantwortlich, diesmal allerdings ohne Notfall-Unterstützung.

Am Sonntag morgen bin ich auf meiner Fütterrunde, als ich feststelle, dass sich eines der Pferde schwer am Bein verletzt hat. Offensichtlich ist er irgendwie im Zaun hängengeblieben und hat sich durch panisches Herumziehen mit den Drähten teilweise tiefe Schnitte zugezogen. Das gesamte Bein ist dick geschwollen und ziemlich viel Blut war ihm daran heruntergelaufen. Ich versuche Sally zu erreichen, ob ich einen Tierarzt rufen oder die Wunden erstmal selber auswaschen soll. Natürlich geht sie nicht ans Telefon, denn heute ist der Haupttag des Turnieres und sie ist sicher beschäftigt. Daher entscheide ich selbstständig und rufe den Tierarzt. Es sollte sichergestellt werden, dass keine Sehne verletzt wurde.

Glücklicherweise kommt der Tierarzt recht schnell, säubert die verschiedenen Wunden und spritzt ein Antibiotikum.  Die Schnitte sind nicht ganz so tief, wie es erst ausgesehen hat und so atme ich erleichtert auf. Inzwischen hat auch Sally zurückgerufen und so kann ich ihr gleich die guten Neuigkeiten mitteilen und sie beruhigen. Mit Pferden ist halt immer irgendwas…..

Meine Tage sind ziemlich ausgefüllt, dennoch fahre ich ein paarmal mit Sally’s sehr grossem Pick-up (die heissen hier Ute – sprich Juuht) durch die Gegend und besuche beispielsweise das benachbarte kleine Städtchen Oxford. (Es gibt hier rund dreissig Häuser und in Europa wäre es gerade mal ein Dörfchen und keine Stadt!) Hier gehe ich auf den winzigen Wochenmarkt und hinterher ins Café, wie alle anderen auch. Ich fühle mich schon so richtig kiwimässig…..

Ausserem besuche ich das Museum. Und ich muss sagen, ich bin recht überrascht über die Grösse und die ansehnliche Ansammlung von,,,,,, hm, ja…….Dingen eben.  Es gibt vor allem „Siedlerzeug“, sprich Geschirr, Kleidung, Bücher, Karten, Fotos, Dekorationsartikel und so was. Es hängt sogar eine original Kuckucksuhr an der Wand!!! (Leider durfte ich kein Foto machen) Ausserdem gibt es altertümliche Ungetüme von Waschmaschinen und Eisschränken, sowie Verpackungen von Verbrauchsgütern wie Waschpulver, Süssigkeiten, Instantsuppen und Getränkeflaschen. Eine ansehnliche Sammlung an Grammophonen rundet die Sammlung ab. Aber nein, es geht ja noch weiter! Kutschen, Ackergeräte, Brandzeichen, Werkzeug, Schafschergerät und vieles mehr, sogar ein altes Auto steht noch da. Irgendwie hab ich jetzt einen ganz guten Eindruck bekommen, wie das Siedlerleben hier ausgesehen hat.

Natürlich fahre ich auch mal in die Stadt Rangiora und ans Meer. Einen Tag mache ich einen wunderschönen Srand- spaziergang, es ist sonnig, aber windig und recht kühl. Trotzdem findet sich auch hier ein einsamer, eisenharter Schwimmer, der fröhlich seine Züge macht während ich in meiner Winterjacke bibbere. Unglaublich!

Zum Thema Wetter möchte ich hier nur mal ganz kurz anmerken, dass die tiefste Nachttemperatur Bodenfrost mit sich brachte und die Tageshöchsttemperatur Sonnenbrand. Der Wechsel kann sich innerhalb von Minuten abspielen; der Wind wechselt auf Süd und in zehn Minuten fällt die Temperatur um 15 Grad! Ich hatte hier alles von bikiniwarm und strömendem Schweiss über Gummistiefel und Dauerregen hin zu richtig kalt und Kaminfeuer. (Es ist übrigens Sommer hier!) Vier Jahreszeiten an einem Tag, dafür ist NZ bekannt und ich kann nun sagen: dass stimmt!

Das Kaminfeuer und die Gemütlichkeit, die damit verbunden ist, ein Glass Wein und ein schönes Gespräch – auch das ein Highlight dieses Aufenthaltes. John’s Kaffee mit „eggs on toast“ und seine weiteren sehr leckeren Köstlichkeiten zählen ebenfalls zu meinen Lieblingsmomenten. Überhaupt sind diese beiden hier überaus grosszügig, sie kaufen extra für mich frisches Gemüse und Obst (sie kaufen immer Obst, aber meistens gammelt das vergessen vor sich hin) und es vergeht kein Tag, an dem sie nicht fragen ob ich ein Bier oder ein Glas Wein möchte. Sie sind beide Geniessermenschen und lassen gerne alle anderen ebenfalls am Genuss teilhaben.

Eine Freundin von Sally hat in der Nachbarschaft ein kleines Bed & Breakfast und bekommt eine grosse Gruppe kanadischer Touristen zu Gast. Da sie nicht alle unterbringen kann werden fünf von ihnen zu uns ausquartiert. Sally wirbelt in der Küche und bereitet alles für ein wundervolles Abendessen zu. Die Gäste kommen an und stellen sich als freundlich und easy going heraus. Wir nehmen alle zusammen einen Aperitif auf der Terrasse ein und John wirft den Grill an. Ich gehe den beiden zur Hand und pendle zwischen Küche, Grill, Esszimmer und Gästebetreuung hin und her. Das Essen ist hervorragend, Gäste und Gastgeber happy und für mich war es auch heute wieder einmal ein spannender Tag.

Gegen Ende meiner Zeit hier komme ich nun doch noch einmal auf einen Pferderücken. Ich darf Sallys Turnierpferd bewegen. Nach fast acht Jahren Reitpause ist das ein bisschen aufregend. Der Sitz ist noch da und natürlich weiss ich, was ich zu machen habe, schliesslich bin ich eine langjährige Reiterin. Aber die entsprechenden Muskeln scheinen irgendwie im Tiefschlaf zu sein – meine Güte! Nach einer halben Stunde leichtem Training bin ich fix und fertig. Unglaublich, Mensch, zu meiner aktiven Zeit konnte ich problemlos mehrere Stunden im Sattel verbringen, ohne es zu spüren. Heute steige ich ab und hab Puddingbeine und jetzt schon Angst vor dem morgigen Muskelkater!

So vergeht die Zeit wie im Flug und mein Aufenthalt hier nähert sich dem Ende. Ich warte eigentlich nur noch bis das Auto aus der Werkstatt kommt. Welches Auto? Sally und John haben einen kleinen Ford, der verlassen auf dem Hof herumsteht und den leihen sie mir aus, um die nächsten zwei Wochen die Südinsel zu erkunden. Einfach mal so! 😀 😀 Na ja, und weil der schon eine Weile rumsteht musste er kurz zum Check-up in die Werkstatt und einige kleinere Reperaturen mussten gemacht werden.

Noch in der Hawkes Bay (Bullenfarm) hatte ich zu meinen Gastgebern gesagt, ich wünschte mir, in Neuseeland jemanden zu treffen der ein „spare car“ (ein übriges Auto) hat, das ich mir günstig oder umsonst ausleihen könnte. (Mietauto in NZ ist extrem teuer und mit dem Bus einen roadtrip zu machen ist nicht spassig) Und schwupps – tatsächlich ist es so eingetroffen! Der Glaube versetzt Berge, auch in Neuseeland. Ich finde es herrlich, wenn mein Optimismus sich durchsetzt und ich solche Geschenke bekomme.

Der Wagen kommt also aus der Werkstatt zurück und am nächsten Morgen geht es los. Diesmal kann ich ohne Tränen Abschied nehmen, denn ich komm ja wieder. Und ich soll auch gleich ein paar Tage bleiben, damit ich erzählen kann! Ich kann dir sagen, es ist sehr, sehr schön, wenn du unterwegs Menschen trifftst, die dich mögen und das auch zeigen. Meistens ist es ja doch so, dass man auf Reisen Menschen nur kurz begegnet und die Verbindung eher oberflächlich bleibt. Man hat so wenig Möglichkeit, sich zu reflektieren und das fehlt irgendwann. Mir war das so gar nicht bewusst, denn zuhause hatte ich ja immer meine Familie und meine Freunde um mich, langjährige Kunden, Gäste und Kollegen – jede Menge Möglichkeiten, Beziehungen aufzubauen und Erfahrungen miteinander zu machen, zu spiegeln, zu wachsen und zu lernen. Wenn du alleine reist, dann fällt das alles erst einmal weg, die Erfahrungen verändern sich, die Tiefe ist nicht mehr gegeben. Meine Erlebnisse beim housesitting und workaway-ing und die freundschaftlichen Verbindungen, die hierbei zustande kommen geben mir dann die Möglichkeit, tiefere Beziehungen aufzubauen und zu erfahren. So kann ich in Balance bleiben.

Jetzt geht’s aber erst einmal wieder auf die Piste! Ich verlasse meine neu erschaffene Komfortzone, packe meinen Rucksack ins Auto und starte meinen Roadtrip über die Südinsel.

 

NZ Südinsel – Traumland

Ich bin zurück in Wellington und die Stadt zeigt sich von ihrer allerbesten Seite: Sonne pur und fast 30 Grad! Ich bin zwar nur auf der Durchfahrt, freue mich aber rotzdem sehr über dieses schöne Wetter, denn ich nehme heute die Interislander Fähre von Wellington (Nordinsel) nach Picton (Südinsel) und – als aufmerksamer Leser wirst du es wissen: die Seekrankheit bedroht mich wieder einmal! Aber bei diesem Wetterchen und einem grossen Schiff kann mir eigentlich nichts passieren.

Und tatsächlich! Das Bötchen liegt völlig ruhig im Wasser und gleitet geruhsam und nicht schaukelnd aus dem schönen Wellingtoner Hafen. Die Sonne brutzelt mir auf die Haut, der Wind versucht, mit mein Cap zu klauen und in mir drin singt es. Wirklich, es singt in mir und das obwohl ich auf einem Schiff bin! Das Meer glitzert und schimmert, es ist tiefblau und selbst als wir das geschützte Hafenbecken verlassen und duch die enge Einfahrt in das offene Meer fahren sind die Wellen klein und spielerisch. Es ist einfach herrlich.

Langsam und stetig bleibt die Nordinsel zurück und die Südinsel kommt immer besser in Sicht. Es ist schön, so langsam zu reisen. Ich kann mich in Ruhe von dem, was hinter mir liegt verabschieden und habe dann eine Art „neutralen Raum“ bevor ich mich auf das vor mir Liegende vorbereiten und mich für Neues öffnen kann. Und dann packt mich die Südinsel voll!

  Auf beiden Seiten des Schiffes tauchen buckelige Drachenrücken auf, dunkelgrün bewachsen, schimmernd, glänzend, eindrucksvoll. Tiefblaues Meer, dunkelgrüne Hügel, Berge, Felsen, nicht schroff und unnahbar sondern lockend, alt, beruhigend und irgendwie……hmm, erkennend. So als sei ich schon mal hier gewesen, so als würden diese Drachenrücken und ich uns kennen, so als wäre ich auf diesen Rücken schon mal durch die Lüfte geflogen…..

Hier gibt es keine Schwierigkeiten mit der Energie, nein, hier komme ich an und bin da. Es ist eine Art von, es ist „richtig“, jetzt hier zu sein. Diese Natur ist so wunderschön, dass ich mich nicht sattsehen kann, Gänsehaut und feuchte Augen – das ist sicher die allerschönste Hafeneinfahrt der Welt und sie heisst Marlborough Sounds. Unglaublich!!

Das geruhsame Hafenstädtchen Picton zaubert ein Lächeln auf mein Gesicht. Ich hab nämlich eine Stadt erwartet, schliesslich verkehrt die grosse Interislander Fähre mehrmals täglich und so ist Picton ja eine Art Hauptverkehrsknotenpunkt der Südinsel. Nichtsdestotrotz ist Picton ein Dorf mit nicht mal dreitausend Einwohnenern. Heute allerdings platzt dieses Dorf aus allen Nähten, denn ein Riesenkreuzfahrtschiff liegt vor Anker und hat seine xTausend Passagiere ausgespuckt, sodass eine Menge chinesischer Touristen die Cafés bevölkern und die Geschäfte stürmen.

Aber am kommenden Tag legt der Kreuzer ab und Picton kehrt zur gemütlichen Geruhsamkeit des Alltages zurück. Von den hohen Drachenrücken eingerahmt spiegelt sich das ruhige Wasser des Hafenbeckens, in dem ein paar kleinere Boote schaukeln. Die Kellner in den Cafés haben wieder Zeit, die Freunde auf der Strasse zu begrüssen, die Ladenbesitzer stehen unter der Tür und werfen den vorübergehenden Einheimischen Begrüssungen und Scherzworte zu, jeder ist entspannt.

Ich mache mich auf, einen kleinen Drachenrücken zu besuchen. Mit Picknick und Wasserflasche ausgestattet gehe ich genau an der Grenze zwischen Wasser und Land, tauche ein in das Grün, steige auf und ab, dann  höher und höher bis ich endlich ganz vorne an der Schwanzspitze angekommen bin. Unter mir gleissendes, glitzerndes, glänzendes Blau, ab und zu unterbrochen durch ein Boot, das einen weissen Streifen hineinmalt und so einen Kontrapunkt setzt, der dieses grandiose Bild noch zusätzlich belebt.

Rund um mich herum brummt und summt das Leben, Blätter flüstern in der leichten Brise und ein paar Blumenköpfchen strecken sich in Richtung Sonne und lassen sich liebkosen. Diese lebendige Stille nimmt mich auf, mein Blick wandert über die anderen Hügel und Berge, Brüder und Schwestern „meines“ Drachens…. eine Familie, seit Jahrtausenden in stiller Unbeweglichkeit hier vereint. Ich fühle mich als Teil des Ganzen, gehöre dazu. Ruhe. Sein. Ist das Glück?

Die Zeit steht still und doch wandert die Sonne und mahnt mich, wieder zurück in die Welt der Menschen zu gehen. Ich habe meinen Teil der uralten Energie bekommen, meinen Respekt und meine Liebe hier gelassen – nun bin ich bereit und kann dieses Land entdecken, erkennen, erleben. Ein unglaublichen Willkommen!

Am nächsten Morgen breche ich auf, gebe mich in den Fluss, biete mich diesem Land an und lasse mich überraschen, was kommt. Ein hübsches kleines Städtchen namens Nelson ist mein heutiges Ziel. Hier wurde der berühmte Ring (für „Herr der Ringe“) designed und hergestellt und ich bin echt in den Laden gedackelt und hab ein Foto gemacht (die waren dort super nertt, sind wahrscheinlich kauzige Touristen gewöhnt!)

Ich möchte von hier aus ein paar Wanderungen machen, daher führt mich mein Weg gleich einmal zur Touristeninfo und in das DOC Büro (Department of Conservation). Hier wird mir von der angestrebten Wanderung dringends abgeraten, da schwierig und Ausrüstung und nicht alleine und so……. na ja, dann halt nicht, schön im Fluss bleiben…… was wird mir denn vorgeschlagen? Ein Ausflug in den Abel Tasman National Park. Sehr schön, ich buche ein Drei-Tages-Ticket, packe einen kleinen Rucksack und werde am nächsten Morgen früh mit dem Bus abgeholt. Die Fahrt nach Kaiteriteri dauert rund 45 Minuten und der Fahrer versorgt uns nebenher mit Informationen über die Gegend (zum Beispiel werden hier u.a. besonders leckere Äpfel angepflanzt. Es ist gerade Erntezeit und ich esse jeden Tag ein paar davon).

Hier werden wir auf ein Boot (schon wieder!) umgeladen und kurz darauf geht es auch schon los, die Küste entlang. Das Wetter ist sehr schön sonnig, die See ruhig und so kann ich auch diese Bootsfahrt geniessen. Wir besuchen im Vorbeifahren eine Seehundkolonie und fahren dann diverse Buchten und Strände an, wo jeweils Leute ein- oder aussteigen. Ich fahre allerdings bis zur vorletzten Station und kann so die gesamt Küstenfahrt geniessen. Auch hier auf dem Boot bekommen wir diverse Informationen über den National Park, wie zum Beispiel wer denn eigentlich Abel Tasman war (ein holländischer Seefahrer, der hier so einiges entdeckt hat. Nach ihm wurde u.a. Tasmanien und die tasmanische See, sowie eben auch dieser Nation Park benannt.) und welche Massnahmen ergriffen werden, um endemische Fauna und Flora zu erhalten, bzw. wieder anzusiedeln. Zu diesen Massnahmen gehören beispielsweise Fallen für die aus Australien eingeschleppten Opposums, Duftfallen für Wespen und auch gnadenloses Vergiften von unerwünschten Bäumen, wie Pinien und Kiefern, die braun und tot aus dem sonst saftigen Grün herausstechen. (Neuseeland ist übrigens keinesfalls so öko und grün, wie uns das in Europa dargestellt wird! Leider!)

Das Boot läuft ganz sanft auf den Strand auf, eine schmale Gangway wird ausgefahren, eine Handvoll Leute steigt mit mir hier aus und schon ist das Boot wieder weg. Heute nachmittag werde ich an einem anderen Strand zu einer bestimmten Uhrzeit wieder eingesammelt. Zuerst bleibe ich einmal hier an diesem wunderschönen Strand und geniesse die Sonne und das Meer und die Aussicht.

Meine Wanderung führt mich heute an der Küste entlang den Weg wieder zurück, den ich mit dem Boot hochgefahren bin. Ein gut ausgebauter Wanderweg führt bergauf und bergab immer in Küstennähe und teilweise direkt über den Strand. Ich kann atemberaubende Aussichten auf türkisblaues Wasser geniessen, ruhige Momente im Wald, unglaublich schöne Strände und auch immer wieder kurze Begegnungen mit anderen Wanderern. Diese Landschaft ist so abwechslungsreich und wunderschön, dass ich hier einfach mal einige Bilder für sich sprechen lasse:

 

 

 

 

 

Zutiefst zufrieden lasse ich mich am Nachmittag von meinem Wassertaxiboot wieder einsammeln und anschliessend in meinen Bus verfrachten, der mich direkt am Hostel rauslässt. Erfreulicherweise ist die Unterkunft sehr nett und ein Supermarkt nicht weit weg. Ich hab nämlich ganz schön Kohldampf nach so einem ganzen Tag unterwegs.

Die nächsten beiden Tage laufen genauso ab, ich werde morgens per Bus in meinem Hostel abgeholt, dann mit dem Boot zur vorher vereinbarten Bucht gefahren, am Nachmittag wieder abgeholt und mit dem Bus zum Hostel zurückgefahren. Dazwischen wandere ich durch eine wirklich wunderschöne Gegend. Ich habe mir beim Busfahrer ein paar Tipps geholt, wo denn nicht jeder läuft und wie ich ein bisschen weg von den „Massen“ komme und so wandere ich einen Tag einen ziemlich steilen, kleinen Pfad bis auf eine Hochebene und den zweiten Tag zu einem schönene Fluss. Der Weg ist keine ausgebaute „Rennstrecke“, sondern eher ein Pfad, machmal muss ich ein bisschen kraxeln und auch mal einen kleinen Bach durchqueren. Hier werden meine Schuhe auch mal dreckig und ich fühle mich sehr, sehr wohl. Irgendwie bin ich anscheinend doch ein Waldkind…..

Als meine drei Tage um sind und ich auf der Rückfahrt nach Nelson bin fühle ich mich ausgeglichen und reich beschenkt. Ich bedanke mich telefonisch sehr herzlich bei der jungen Dame, die mich in der Touristeninformation so freundlich und ausgiebig und kompetent beraten und auch noch gleich alles für mich gebucht hatte. (Sie war voll happy, spanisch mit mir zu sprechen, denn sie ging ein paar Wochen später auf Reisen nach Südamerika).

Dann ist mir doch noch ein Riesenklops passiert!! In Nelson angekommen packe ich mein Zeug zusammen, verabschiede mich vom Busfahrer (heute fährt ausnahmsweise ein anderer, aber weil ich ganz vorne sass haben wir uns die gesamte Fahrt über unterhalten) steige aus und mache genau drei Schritte in Richtung Hostel als mir auffällt – NEIN!!!! Ich hab meine Bauchtasche im Bus vergessen. Mit allem drin – Pass, Telefon, Kreditkarten, alles……. Ich renne also wie bekloppt hinter dem Bus her und winke wie verrückt. Er steht nur vielleicht hundert Meter weiter an einer roten Ampel. Die leider gerade auf Grün springt. Der Fahrer sieht mich offensichtlich nicht, gibt Gas und ist schon um die nächste Kurve. So ein Mist aber auch!! Und das, wo ich doch morgen schon ganz früh den Fernbus nach Christchurch nehme……

Im Hostel mach ich gleich mal die Rezeptions-Backpackerin schalou und rufe den Veranstalter an. Und bleibe wie ein Presser am Telefon stehen und warte auf den versprochenen Rückruf. Ich bin echt nervös!! Wie kann mir sowas bloss passieren??? Nach rund einer halben Stunde kommt der erlösende Anruf – der Busfahrer ruft von seinem Handy aus an, er würde unten vor der Tür stehen und ich solle doch mal schnell rauskommen. Hach, ich könnte den Mann knutschen (was nicht geht, da er im Auto sitzt und ausserdem im Halteverbot steht), also bedanke ich mich überschwänglich und damit ist er auch ganz happy. Ich bin so erleichtert und freue mich über diese neuseeländische Hilfsbereitschaft. Die hätten ja auch sagen können, ich solle am Montag im Office vorbeikommen und die Tasche abholen (heute ist nämlich Samstag und morgen ist zu), da wär ich aber ganz schön aufgeschmissen gewesen! Glücklicherweise kommt nix so schlimm, wie es kommen könnte…….

Und so kann ich heute abend ganz unbelastet und gemütlich mit den Leuten aus dem Hostel, die ich schon von meinem ersten kurzen Aufenthalt hier kenne einen schönen Abend verbringen und morgen früh wie geplant in meinen Bus nach Christchurch steigen. Dort erwartet mich ein Housesit auf einer Pferdefarm.

Ein Ork, Offroad fahren und Bullen füttern

Überall in Neuseeland trifft man auf Hobbit, Herr der Ringe und Narnia, denn hier wurden eben grosse Teile dieser Filme gedreht und so kommt wohl niemand durch das Land ohne wenigsten einmal an einem Drehort gewesen zu sein. In Wellington kann man sich als Cineast einen besonderen Leckerbissen gönnen: einen Besuch im Weta-Workshop! (Wenn du jetzt verzweifelt versuchst mit diesem Namen etwas anzufangen – keine Sorge! Ich hatte davon vorher auch noch nie was gehört. Offensichtlich sind wir beide keine echten Cineasten!) 😉

Also im Weta Workshop werden die Kostüme und Accesoires, Waffen, Fahrzeuge, Monster, Orks etc. hergestellt und zwar für eben diese Filme, aber auch die Power Rangers und Avatar und noch viele andere. Wir bekommen genau erklärt, welche verschiedenen Arten der Herstellung es gibt, was im Computer gemacht wird und wie sie 3D Drucker einsetzen. Ich hab zum ersten Mal in meinem Leben ein Maschinengewehr in der Hand und wenn es nicht federleicht wäre, dann könnte man schwören es sei echt!

Dann gibt es da einen echten Waffenschmied, der die Schwerter, Lanzen und so weiter herstellt, manche ganz leicht und stumpf aber manche auch scharf. Natürlich stehen auch einige Originale herum, Ritter und einzelne Waffen und ein gepanzertes Fahrzeug aus noch irgendeinem anderen Film.

 

 

 

 

 

Fotos dürfen nur im Shop gemacht werden und ich finde, so eine Auge in Auge Begegnung mit einem Ork, das hat irgendwie was (was bin ich froh, dass das Ding nicht lebt und schreit und stinkt!!!). Mein persönliches Highlight ist aber die Perrückenmacherin! Eine junge Deutsche erfüllt sich hier ihren Traum und behaart die Köpfe der diversen Protagonisten. Der absolute Hammer an der Sache ist, das jedes einzelne Haar (!!!!) mit einer Spezialnadel in den vorbereiteten Gummikopf gestochen wird. Nichts wird geklebt oder büschelweise eingesetzt, sondern Haar für Haar wird einzeln quasi eingepflanzt. Das Ergebnis sieht einfach täuschend echt aus. Sie sitzt da und arbeitet ganz ruhig vor sich hin, strahlt und ist happy. Für mich wäre diese Arbeit eine reine Folter. Tja, des einen Hölle ist des anderen Himmelreich. Hammer!!

Nachdem ich nun also zwei Tage im regnerischen Wellington mehr oder weniger vertrödelt habe steige ich heute in den Bus nach Hastings in der Hawke’s Bay. Dort wird nämlich für die kommenden rund zwei Wochen mein Zuhause sein.

Am Busbahnhof in Hastings werde ich abgeholt und gleich mal mit einer Umarmung begrüsst. Da es in Strömen regnet steigen wir so schnell es geht ins Auto und da liegt auf dem Rücksitz ein dreibeiniger kleiner Windhund und zittert sich einen ab. Ich bin der Kleinen wohl nicht so ganz geheuer….

Wir machen noch ein paar Besorgungen, trinken einen Begrüssungskaffee in der Stadt und dann geht es hinaus zur Farm. Rund eine halbe Stunde fahren wir durch eine sanfte Hügellandschaft, die mit ziemlich vertrocknetem Gras bewachsen ist. Hier und da ist eine Farm hingetupft, meist von hohen Bäumen gesäumt. Kleine Rinderherden stehen weit verteilt, auch ein paar Schafe. Eine ruhige, sanfte Landschaft – genau das, was ich jetzt brauche! 😀

Wir biegen von der schmalen Landtrasse in die Farm ein, fahren noch ein paar hundert Meter unter riesengrossen Kastanienbäumen her, dann öffnet sich der Blick und ich sehe links mehrere ziemlich
grosse Bullen auf der Weide stehen, rechts grasen ein paar Pferde und da, nach einer leichten Kurve kommt das Farmhaus in Sicht.
Malerisch steht es da auf einem flachen Hügel, aus Holz gebaut und hell gestrichen, eine Veranda rund herum mit Sitzmöbeln ausgestattet, ein Stück grüner Rasen, Blumen und kleine Bäume. Es sieht aus wie auf einer Postkarte. Ein zweiter Windhund (mit vier Beinen diesmal) steht neben einem Mann, der uns offensichtlich erwartet. Das muss wohl der Boss sein.

Auch er begrüsst mich sehr freundlich, dann bekomme ich mein Zimmer gezeigt und es gibt – es lebe die feine englische Art! – eine schöne, heisse Tasse Tee. Das Haus ist altenglisch eingerichtet mit dunklen, wuchtigen Möbeln, viel Holz, grossem Kamin im Wohnzimmer und so. Mein Zimmer ist sehr gemütlich und hat sogar ein Sofa, wo sich sicher mal kuschelig ein Buch lesen lässt. Natürlich spielt sich der Grossteil des Tages in der grossen Wohnküche ab. Die hat sicher schon ein paar Jahrzehnte auf dem Buckel, passt aber so schön in dieses tolle Haus – alles ist hier irgendwie stilecht altmodisch. Und ich fühl mich pudelwohl.

Der Farmer nimmt mich dann gleich mal mit auf die abendliche Fütterrunde, stellt mir den Rest der Viecherei hier vor und beginnt, mir die kommenden Aufgaben zu erklären. Es gibt vier Arbeitshunde – Betty, Match, Fame und Tui – die dabei helfen die Schafe und Rinder zusammen zu treiben und zu bewegen. Sie haben jeder einen eigenen Zwinger mit Hütte im Hof, dürfen aber viele Male am Tag raus und sich austoben auch wenn sie nicht arbeiten. Wir nehmen die vier mit und fahren mit dem „Kubota“ hinaus auf die Weiden. Übrigens – ich fahre! Offroad!! 😀 Es macht Spass, aber ich bin ganz schön unsicher und heilfroh als der Farmer übernimmt als das Gelände steiler wird.
Wir fahren bis zum höchsten Punkt der Farm und hier oben stehen wir nun wie Scarlett und Gerald O’Hara und schauen über das Land, das sich in goldenen Hügeln bis an den Horizont erstreckt. Ein absolut grandioser Ausblick!! (Bitte hier klicken)

Der Farmer beeindruckt mich mit seiner offen gezeigten Liebe zu seinem Land, seiner ruhigen und eloqunten Art, zu erklären und seinem Wissen über Zucht und Genetik. (Eines der Bücher, die ihn nachhaltig in seiner Zucht beeinflusst haben ist Bruce Lipton’s „Intelligente Zellen“, eines meiner Lieblingsbücher! Da können also zwei Menschen dasselbe Buch lesen, es aber völlig unterschiedlich interpretieren und anwenden! Sehr interessant!!)

Ich bekomme erklärt woran der erfahrene Farmer erkennt, wie die Persönlichkeit eines Rindes ist, ob es eventuell anfällig für Hufkrankheiten ist und vieles mehr. Hier werden Black Angus Rinder gezüchtet. Das Hauptaugenmerk liegt auf der Züchtung von Jungbullen, aber natürlich ist die Fleischproduktion ein zweites wichtiges Standbein. Das Fleisch wird hauptsächlich in gehobenen Fleischereien und Delikatessgeschäften verkauft und zwar bis in die USA. Die Farm hat so rund 650 Stück Rindvieh und rund 120 Schafe. Die Tiere leben alle ganzjährig draussen und fressen Gras, es stehen rund 30-40 Rinder auf mehreren Hektar Weideland, daher sieht man auch immer nur vereinzelt hingekleckste Rinder überall und keine grossen Herden.

Nur die Kälbchen und die arbeitenden Bullen bekommen extra Futter, was in Zukunft zu meinen Aufgaben gehören wird. Ganz ehrlich?! Also diese noch nicht mal ganz ausgewachsenen Jungbullen jagen mit einen Heidenrespekt ein! (Vielleicht bin ich da doch irgendwie „spanisch“ vorbeslastet?? Corridas und so….) Die bringen schon ein paar hundert Kilo auf die Waage und wenn du mit dem Futter ankommst dann kommen die angerannt. Und zwar richtig schnell. Der Farmer sieht’s natürlich cool und so versuch ich halt, mich auch nicht ins Bockshorn jagen zu lassen.

Die Hunde haben einen Riesenspass an unserem kleinen Ausflug und scheuchen, nur so zur Gaudi die Kühe von links nach rechts und von rechts nach links. Als der Farmer pfeift stehen sie sofort da, mit hechelnder Zunge und höchst zufriedenem Gesichtsausdruck. (Ob die wohl auch kommen wenn ich pfeife???)

Die Hühner, Enten und sonstiges Geflügel werden heute zwar noch von der Farmerin gefüttert, aber ab morgen ist auch das meine Aufgabe. Mir schwirrt doch ein bisschen der Kopf von den ganzen verschiedenen Futtersorten und hier ein Eimerchen voll und da zweieinhalb, die einen nur morgens, die anderen nur abends….. aber ich hab noch zwei Tage bis die beiden mir die Farm für eine Woche überlassen. Krieg ich hin! 😀

Als wir von unserer Runde zurück kommen ist schon das Abendessen fertig und so setzen wir uns denn gemütlich an den Tisch, essen und lernen uns gegenseitig ein bisschen kennen.

Die kommenden zwei Tage sind ausgefüllt mit Erklärungen, Füttern, Hunde streicheln, Eier einsammeln, Blumen giessen und was sonst noch so anfällt auf dem Hof und im Garten. Die Farmerin fährt ausserdem mit mir in die Stadt in einen Bioladen, drückt mir einen Korb in die Hand und sagt, ich solle mir aussuchen, was ich in den nächsten Tagen zu essen haben wolle. Das ist ja mal ein Ding! Meinen Protest, dass sie nicht mein Essen kaufen müssten wischt sie einfach beiseite und sagt, doch das müsse sie schon und das wäre gut und richtig so. Also kaufe ich ein…..
Als wir vom Einkauf zurück kommen ist ihr Mann nirgends zu finden, was an und für sich bei der Grösse der Farm auch kein Wunder ist. Als er dann aber zum Mittagessen nicht erscheint und auch nicht ans Telefon geht, fangen wir an uns zu fragen, wo er denn wohl abgeblieben sein könnte. Die Antwort kommt in Form eines nachbarschaftlichen Anrufes: auf einer Nachbarfarm ist ein Grasfeuer ausgebrochen und alle Farmer sind dort und helfen der Feuerwehr bei den Löscharbeiten. Stimmt, wie haben eine Feuerwehrauto gesehen auf der Heimfahrt.

Wir fangen an Wasserflaschen zu füllen und Erdnussbutterbrote zu schmieren, damit die Männer draussen Verpflegung haben. Die Farmerin weiss genau, was zu tun ist und ist zumindest äusserlich total ruhig, ganz offensichtlich nicht ihr erstes Feuer. Wir fahren gerade aus der Farm hinaus als uns der Farmer schon entgegen kommt. Voll gepunmpt mit Adrenalin erzählt uns der sonst eher ruhige, zurückhaltende Mann mit grossen Gesten und blitzenden Augen von dem Feuer und der Arbeit, die sie jetzt alle verrichtet haben. Solange der Wind nicht dreht, sei wohl alles soweit unter Kontrolle. Da setzen wir uns also hin und essen die Erdnussbutterbrote selber und lauschen seinen Erzählungen. Anschliessend duscht er noch kurz, packt die Reisetasche ins Auto und schwupps, weg sind sie.

Nun habe ich plötzlich eine xx Hektar grosse Farm mit jeder Menge Vieh unter meiner Verantwortung. Aber sie haben mir alles gut gezeigt und es gibt noch einen Farmarbeiter, der sich um das ganze Weidevieh kümmert und auch in der Nähe wohnt – im Notfall. Sie fahren ganz beruhigt für ein paar Tage weg und freuen sich, dass ich da bin und mich kümmere. Schön!

So habe ich jetzt also wieder einen Rhythmus und eine Aufgabe. Das fühlt sich gut an. Schon jetzt komme ich an den Punkt, wo ich ganz klar erfahre, dass ich eine Aufgabe brauche und ein Ziel vor Augen – nur so in den Tag hineinleben, das ist nichts für mich. Obwohl die Freiheit, sich seine Aufgaben zeitlich nach Wunsch einrichten zu können schon eine feine Sache ist. Und immer wieder eine neue aufregende Aufgabe zu haben, das finde ich echt spannend. Und zwischendurch immer wieder einmal für ein paar Tage oder Wochen eine Art „Zuhause“ zu haben, das ist sehr schön, und auch wichtig, um all die vielen Eindrücke sacken zu lassen. Es ist eine Art natürlicher Rhythmus, der mir guttut: Herumziehen – Dasein, viel erleben – Ruhepause, das ist wie ein- und ausatmen. Die beiden Haushunde – Poppy und Sybill – leisten mir Gesellschaft (oder ich ihnen?) und so sind wir alle miteinander zufrieden.

Ich geniesse es, auf der Farm zu sein und hier herumzuspazieren. Meistens nehme ich die Arbeitshunde mit, die selbstverständlich keinen Strich auf mich hören, sondern fröhlich durch die Gegend tollen und die Rinder, die Schafe und mich ganz kirre machen. Der Ausblick über diese rollenden, goldenen Hügel fasziniert mich – er strahlt eine Ruhe und Beständigkeit aus, die mir guttut. So habe ich auch wenig Lust in der Gegend herum zu gondeln, sondern fahre nur ein oder zwei Mal in die Stadt, um Besorgungen zu machen und mich mal in ein Café zu setzen zum Leute gucken.

Die Arbeit bietet schon auch ein paar Herausforderungen für mich: das Bullenfüttern habe ich ja schon angesprochen; auch das im Gelände herumfahren mit dem Kubota ist am Anfang nicht so einfach. Dann muss in irgendwann eine neue Futtermischung malen, wobei der Treibriemen in der Maschine von seinem Rad rutscht. Vorausschauend hatte der Farmen mir allerdings gezeigt, wie ich das wieder hinkriegen kann, na ja und das hab ich dann auch. Nach ein paar Tagen fühle ich mich richtig stolz, wenn ich mit meinen vier Hunden auf der Ladefläche durch die Gegend fahre, rumhantiere, füttere und irgendwie alles ganz gut klappt. Da fühl ich mich fast wie eine Farmerin. 😉

Ein bisschen besorgt bin ich über diesen Grasbrand auf der Nachbarfarm, der immer wieder aufflackert. Die Vorstellung eventuell vor einem Feuer flüchten zu müssen behagt mir nicht. Die Farmerin meinte allerdings beim Abschied ganz cool, ich solle versuchen die Haushunde mitzunehmen und die anderen aus ihren Zwingern zu lassen……diese Menschen hier leben mit den Risiken von Feuer, Dürre, Flut und Erdbeben und lassen sich davon trotzdem nicht aus der Ruhe bringen. Feunde des Hauses, die ich bei anderer Gelegenheit kennenlernte haben gerade einen ziemlich heftigen Brand hinter sich. Das Haus konnte zwar vor dem Feuer gerettet werden und auch das Vieh, aber alle Weiden und Bäume sind verbrannt und das Löschwasser hat im Haus grosse Schäden angerichtet. Von dem Brandgeruch, der auch nach Wochen noch penetrant im Haus klebt gar nicht zu reden. Die Leute sind jetzt eben zu Freunden gezogen und warten nun bis Feuerwehr und Versicherung das Haus frei gibt, um alles wieder bewohnbar zu machen. Die Weiden erholen sich zwar schnell, aber bis dahin muss das Vieh (kostenpflichtig) auf fremde Weiden getrieben werden und die Bäume sind verloren und müssen gefällt werden. Der finanzielle Verlust ist enorm.

Die Menschen nehmen es irgendwie stoisch hin, als ob das eben zum Leben gehört. In meiner ganzen Zeit in Hawkes Bay und mit den Farmern und ihren Freunden habe ich kein einziges Wort des Jammerns gehört. Tatsachen werden festgestellt, dann wird nach Lösungen gesucht und diese werden stetig umgesetzt. Unaufgeregt, effektiv und ohne grosse Worte. Es wird getan, was getan werden muss – ohne grosses Gerede. Das imponiert mir mächtig, denn in einer Welt wo der Schein (das Image) oft mehr gilt als das Sein, wo Worte wichtiger genommen werden als Handlungen und wo derjenige, der am lautesten schreit das grösste Stück vom Kuchen bekommt sind solche Menschen zu bewundern. Und zu beneiden, denn zumindest meine beiden Farmer strahlen eine Zufriedenheit aus, die ich nicht oft an Menschen sehe.

Und dann kommt der Regen. Es regent tagelang am Stück und innerhalb dieser paar Tage wandelt sich das Land völlig und wird plötzlich grün. Alles sieht auf einmal ganz anders aus. Die Farmer , inzwischen wieder zurück, sind sehr froh, war doch das Frühjahr extrem trocken und eine Dürre wurde bereits befürchtet. Nun spriesst das junge Grün und die Weidetiere können sich den Bauch damit vollschlagen.

Auf besondere Einladung meiner Gastgeber bleibe ich auch nach ihrer Rückkehr noch einige Tage, denn am Wochenende findet im nahegelegenen Napier ein grosses Festival statt. Anfang der dreissiger Jahre hatte ein verheerendes Erdbeben die Hawkes Bay erschüttert und Napier fast völlig zerstört. Der Wiederaufbau fiel somit in die Art Deco Zeit und daher ist Napier heute eine von nur zwei Art Deco Städten der Welt. An diesem Wochenende steht nun alles im Zeichen der dreissiger Jahre und des Art Deco. Die Farmerin fährt mit mit in die Stadt und wir schauen uns als erstes die Oldtimer Parade an. Prächtige Karossen defilieren an den zahlreichen Besuchern vorbei, liebevoll restauriert, poliert und voller Stolz präsentiert.

Die meisten der Napierleute und alle Fahrer haben Klamotten aus den dreissiger Jahren an, was das Ganze echt eindrucksvoll macht. Ein paar Motorräder und auch Fahrräder sind ebenfalls mit von der Partie und werden begeistert gefeiert. Dass es die ganze Zeit in Strömen regnet scheint niemanden gross zu stören. Alle sind in Feierlaune und lassen sich den Spass nicht verderben.

Nach der Parade bummeln wir durch die Stadt, einige Geschäfte und Galerien haben geöffnet und bieten heute speziell zum Thema Art Deco Kunst, Dekoration und Kleider an. Strassenkünstler unterhalten die Besucher und Cafés laden zum Verweilen ein. Es gefällt mir sehr und bei Sonnenschein ist dieses Fest ganz sicher der Knaller!

 

 

Am übernächsten Tag muss ich meinen Bus nach Wellington nehmen und dann die Fähre nach Picton auf der Südinsel. (Übrigens haben meine Gastgeber das Ticket für mich gekauft! Einfach mal so….) Obwohl ich mich einerseits schon sehr auf die Südinsel freue kann ich mich hier echt schwer lösen. Diese beiden Menschen und auch die Tiere, vor allem natürlich die Hunde sind mir echt ans Herz gewachsen. Der Farmer schaut richtig betreten aus der Wäsche als er sich mit einer Umarmung von mir verabschiedet. Ich muss blinzeln und schnell ins Auto schlüpfen, denn die Abschiedstränen sind auch schon wieder da. Die fliessen dann auch noch, bevor ich in meinen Bus steige. Was sind das doch für feine, feine Menschen, die ich hier kennenlernen durfte! Sehr dankbar fahre ich hier weg und brauche auch im Bus noch eine ganze Weile, bis ich meine Aufmerksamkeit wieder nach vorne und auf mein nächstes Abenteuer richten kann.