Tasmanien 2 – Arbeiten auf einer Farm

Bei strömendem Regen komme ich in Burnie an. Eine kleine, graue und unscheinbare Stadt irgendwo an der westlichen Nordküste von Tasmanien. Es ist kalt – gestern hat es auf dem Cradle Mountain (rund eine Stunde Autofahrt entfernt) geschneit!!! – und ich hab meine Wintersachen an.  Zur Erinnerung: hier sollte es eigentlich Sommer sein…….grmpf

Meine Gastgeberin ist glücklicherweise schon hier, um mich abzuholen. Eine Frau, ungefähr in meinem Alter mit fleckigen Leggins und einem Schlabberpullover angezogen umarmt mich herzlich und zieht mich gleich mit in Richtung eines bereits etwas in die Jahre gekommenen, klapprigen Minibusses, in dem fünf der sechs Kinder sitzen und Radau machen. Da rutscht mir schon ein bisschen das Herz in die Hose…….

Aber sie plaudert freundlich und ich beschliesse, jetzt mal kein Hasenfuss zu sein, sondern optimistisch auf das Beste zu hoffen.

Auf der Farm angekommen beziehe ich erst einmal mein Zimmer. In einer grösseren Holzhütte ist ein kleines Zimmerchen abgetrennt, ein grosses Bett und zwei kleine (vollgestopfte) Kommoden stehen darin. Staubige Gardinen von vor zwanzig Jahren hängen an einem kleinen Fensterchen und die Regentropfen trommeln ohrenbetäubend auf das Wellblechdach. Ich pack mal gar nicht erst aus……ist eh nirgends Platz etwas aufzuhängen.

Im Haus gibt es bald schon Abendessen im „Rittersaal“. Tatsächlich gibt es einen grösseren, langgestreckten Raum, der mit groben Holzmöbeln und allerlei mittelalterlichem Tand eingerichtet ist. Ein grosser Kamin vervollständigt den Eindruck einer Burghalle. Leider riecht es feucht und muffig hier drin und kalt ist es auch. Die Kinder sitzen mit ihren dicken Winterjacken herum und löffeln schweigend ihr Abendessen aus kleinen Schüsselchen.

Ich lerne meinen neuen Arbeitskollegen kennen, einen jungen Dänen, der sehr sympatisch rüberkommt. Das Essen ist ok, die Kinder starren in den Fernsehen und die Mutter rumort noch in der Küche herum und isst nicht mit uns. Keiner spricht. Seltsam.

Wir beiden Workawayer kümmern uns um den Abwasch, und da die Mutter die drei kleineren Kinder (2,5,6) ins Bett bringt und die grossen (12,15,18) vor der Glotze abhängen kann ich den jungen Dänen, der schon seit ein paar Tagen hier ist, nach Herzenslust ausfragen. Es scheint nicht ganz so schlimm zu sein, wie der erste Eindruck vermuten lässt, also immer noch: kein Hasenfuss sein!! Aber das Haus ist echt sehr schmutzig und wir haben alle neun Personen zusammen nur ein einziges Badezimmer. Und es riecht überall nach Staub und Feuchtigkeit.

Hier scheine ich keinen Glücksgriff gemacht zu haben. Aber vielleicht ist ja alles besser wenn morgen die Sonne scheint…….

Was soll ich dir sagen? Es wird nicht viel besser. Bei Sonnenschein kommt allerlei Federvieh zum Vorschein, Hühner, Enten, Gänse und Pfauen. Sie laufen überall herum, schreien was das Zeug hält (Pfauen) und hinterlassen ihre….hmm…. Spuren. Ich achte darauf, meine Zimmertür gut geschlossen zu halten. 😉 Von den angeblich dreissig Pferden, die zu dieser Farm gehören und wegen denen ich überhaupt hierher gekommen bin stehen im Augenblick nur wenige hier. Drei Stuten mit ihren Fohlen und ein ganz altes Pferd. Keines davon kann geritten werden. Alle anderen Pferde stehen auf irgendwelchen Nachbarfarmen, um dort das Gras kurz zu halten. Ansonsten gibt es noch ein paar Hunde, mehrere Katzen und einige Ziegen. Mit keinem der Tiere wird irgendwas gemacht. Sie sind da, werden mit Essensresten und Gartenschnitt gefüttert und ansonsten ignoriert. Zwei der Hunde leben im Haus und die kids spielen ab und zu mit ihnen. Natürlich drehen dann die anderen drei (einer ist an einer langen Kette und zwei in einem grossen Zwingergehege) komplett durch und bellen und heulen zum Herzerweichen.

Der junge Däne und ich leisten unseren Arbeitsanteil meist im Garten ab. Das Unkraut steht knie- bis hüfthoch und besteht zu einem Gutteil aus wilden Brombeerhecken. Mehr oder weniger unterdrückte Flüche in verschiedenen Sprachen würzen also unsere Arbeitszeit wenn die fiesen Dornen unsere zarten Therapeuten-, bzw. Studentenhände zerpieksen. Brennende Sonne und über dreissig Grad wechseln sich mit kühlen (zehn Grad) und äusserst nassen Regentagen ab. Ausserdem gibt es in niedrigerem Unkraut freundliche Biester mit dem erquicklichen Namen „bull ants“ (Bullenameisen).
Sie sind einen guten Zentimeter lang, schwarz und agressiv. Jeder von uns ist mehrere Male äusserst schmerzhaft mit deren Säure in Kontakt gekommen, was schon mal einen kleinen Schrei, einen deftigen Fluch und umherfliegendes Gartenwerkzeug auslösen kann. Mistviecher!!

Da sind mir doch die niedlichen kleinen Wallabies, die abends in den Paddocks herumhüpfen oder die possierlichen Oppussums, die nachts auf meinem Blechdach Salsa tanzen deutlich lieber! Oder die stacheligen Echidnas (Ameisenigel), die man nur selten zu Gesicht bekommt.

Dann werfen grosse Ereginisse ihre Schatten voraus! Es gibt eine Party, zu der alle Nachbarn eingeladen sind. Das hört sich ja mal spannend an. Die Vorbereitungen laufen auf Hochtouren, das heisst wir beiden Workawayer befreien den gesamten grossen Hof von Unkraut, räumen irgendwelche Sachen aus dem Weg (Spielzeug, kaputtes Werkzeug, leere Blumentöpfe, Eimer, einzelne Schuhe…….) stellen Tische und Stühle auf und versuchen alles ein bisschen nett herzurichten (Arbeitsaufwand vier Tage!!)

Unter dem Vordach der Hütte, die auch mein Gemach beherbergt gibt es eine Art kleiner Bühne auf der verschiedene Musikinstrumente aufgebaut sind. Die beiden grossen Jungs spielen Gitarre und Schlagzeug und sollen auf der Party Musik machen. Mein dänsicher Leidensgenosse schliesst sich an, da er ebenfalls Gitarre spielt und auch singt. Das könnte vielleicht eine tolle Party werden!

Der grosse Tag bricht an, sonnig und schön warm, und ab dem Nachmittag trudeln die Gäste ein. Jeder bringt einen kleinen tragbaren Kühlschrank mit in dem er seine eigenen Getränke hat. Ausserdem einen Teller mit etwas zu essen. Es gibt glutenfreie Pfannkuchen mit selbstgemachter Marmelade. Käse mit Kräckern und Wassermelone. Falafelähnliche Bällchen mit Tzatziki. Muffins. Rohkost mit Dip. Kleine Würstchen. Kekse……..So wie die Gäste kommen so gibt´s auch das Essen. Alles steht auf dem Tisch und jeder bedient sich. Man sitzt also herum und quatscht und trinkt Bier und knabbert ein wenig herum und quatscht. Das Wetter ist schön, die Sonne scheint und alle sind locker und scheinen zufrieden. Es wird Abend, man sitzt herum und quatscht und trinkt und alle sind locker und scheinen zufrieden. Als die Nacht kommt wird es ein bisschen kühl und ein tragbarer kleiner Holzofen wird angezündet und mit allem möglichen gefüttert. Man rückt zusammen rund um den Ofen und quatscht und trinkt und alle scheinen zufrieden. Die beiden grossen Jungs spielen einen Song. Der junge Däne gibt ein paar selbstgeschriebene und ein paar gecoverte Songs zum Besten – das Highlight des Tages! Er singt echt gut. Und das war die grosse Party. 😀

Das Beste an der Feier war, dass wir die Nachbarn kennengelernt haben. Besonders die, die direkt neben unserser Farm wohnen sind sehr nett. Wir gehen sie in unserser Freizeit besuchen – es gibt nichts zu tun hier draussen, das Dorf ist 20 Autominuten weit weg und dort ist eh nichts und entgegen der Aussage im Profil von workaway fährt die Mutter nicht fast täglich in die Stadt sondern nur sehr selten und nur kurz. Oh, und es gibt kein Internet – also gehen wir spazieren und besuchen die Nachbarn. Ein älteres Ehepaar, noch echte Pioniere! Sie freuen sich über unseren Besuch und bieten uns „richtigen Kaffee“ an. (Kaffee = Instantkaffee, richtiger Kaffee = Bohnenkaffee. Sonntags und für besondere Gäste. Ist übrigens bei uns „zuhause“ (auf der Farm) auch so, es gibt bloss Instantkaffee. Na, zum Glück trink ich Tee, den gibts immer und überall) 😉

Die Nachbarn erzählen uns von der „guten alten Zeit“, wie sie hierher kamen, das Land gekauft haben und die Farm gebaut haben. Das war 1985, seitdem leben sie auf dieser Farm und haben drei Kinder grossgezogen. Stolz zeigen sie uns alles. Unten gibt es ein Bad und noch einen grossen Raum in dem Wohn-, Esszimmer, Büro und Küche untergebracht sind. Es sieht sehr gemütlich aus, wenn man das allgemeine Chaos nicht beachtet. Im ersten Stock gibt es ein weiteres Bad, das aber noch nicht fertig ist und zwei Schlafzimmer. Die Wände sind offen, also die Isolierung schaut heraus und aus der Decke schauen die Stromkabel hervor. Beide Zimmer sind sehr offensichtlich bewohnt, Klamotten und Bücher und Zeugs allüberall. Ich frage ganz vorsichtig nach, ob sie denn erst jetzt hier oben ausbauen würden. Oh nein, sie hätten einfach keine Zeit gehabt bisher, alles richtig fertig zu bauen. Ach so…..!!!!!!

Beide sind sehr belesen und kennen sich gut aus in tasmanischer Geschichte – die ist nicht ganz so glanzvoll – und in Sachen Umweltschutz. Sie sind sehr besorgt wegen des Klimawandels. Sie erzählen, dass es in Tasmanien jetzt immer öfter zu verheerenden Buschbränden nach Blitzschlag kommt, wobei sie das noch vor zwanzig Jahren gar nicht kannten. Sie mussten jetzt aufgrund neuer Feuerschutzbestimmungen rund 150m um ihre Farmgebäude herum alle Bäume fällen und planen gerade einen unterirdischen Bunker, in den sie im Falle eines Buschbrandes flüchten könnten.

Zur Geschichte Tasmaniens herrscht meist erst einmal betretendes Schweigen. Kein Wunder, denn es gab hier viel Leid. Unter dem Namen Van Diemens Land diente die Insel den Briten als Strafkolonie und über Jahrzehnte hinweg gab es mehr Strafgefangene als Siedler. Die „echten Siedler“ setzten sich am Anfang hauptsächlinch aus Soldaten, Polizisten und Beamten zusammen, dann gab es die Robbenfänger und etwas später kamen dann Bauern, Viehzüchter, Händler und Pelzjäger dazu. In dieser hartgesottenen Gesellschaft gab es kaum Frauen – grosses Problem – und so wurden im grossen Stil Aborigenefrauen entführt.

Von Australien und England aus wurden Massen von Gefangenen nach Van Diemens Land (Tasmanien) deportiert, durchaus nicht alles Schwerverbrecher, sondern oft einfache Menschen, die aus Hunger gestohlen hatten. Wenn sie ihre Strafe abgebüsst, will sagen überlebt hatten, was durchaus nicht immer der Fall war, blieben sie aufgrund fehlender Mittel einfach in Tasmanien und versuchten sich ein Leben aufzubauen. Die meisten schlossen sich den Robbenfängern an, denn durch den europäischen Hunger nach dem Talg, Fleisch und den Fellen dieser Tiere gab es hier Geld zu verdienen. Sollten die naturverbundenen Aborigenes etwas gegen das grausame Massenschlachten der Robben oder gar gegen die Entführung ihrer Frauen haben und sich kriegerisch zeigen, so wurden sie ebenso kaltblütig getötet wie die Robben.

Weiteres Unheil geschah auch abseits der Küsten. Immer mehr Bauern siedelten auf der Insel und brauchten immer mehr Land. vor allem gutes, fruchtbares Land an den Flüssen. Die Eingeborenen mussten weichen und ihre Dörfer und heiligen Stätten aufgeben oder sie wurden einfach abgeschlachtet, sollten sie sich zur Wehr setzen. Als in England die Industrialisierung auf ihren Höhepunkt zuschritt und die dortigen Webereien nach Wolle schrien antwortete Tasmanien mit der Bildung von riesigen Stationen, die Tausende Schafe hielten, um diesen Bedarf zu decken.

Um dem Ganzen noch die Krone aufzusetzen  wurde das Standrecht über die „eingeborenen Wilden“ verhängt und diese somit zum freien Abschuss freigegeben.

Die Aborigenes hatten keine Chancce. Mord und Todschlag an den Küsten und Flüssen, Landraub, massiver Rückgang an Wildbeständen, dazu der konstante Frauenraub, sowie die Einschleppung europäischer Infektionskrankheiten gegen die sie keinerlei Resistenz hatten – innerhalb von nur dreissig Jahren europäischer Besiedelung dezimierte sich die Anzahl der Aborigenes in Tasmanien von mehreren Tausend auf gerade mal dreihundert.

Die Siedlungsgeschichte hat also auch in diesem Teil der Erde viele dunkle Kapitel. Es wird inzwischen einiges getan, um weisse und schwarze Australier einander näher zu bringen aber bis heute ist dies ein heisses und komplexes Thema.

Wir besuchen unsere Nachbarn noch ein paar Mal und sie zeigen uns in ihrem Wald einige der letzten grossen alten Bäume, die noch stehen. Stolz weisen sie auf das Mal eines Axtschlages hin. So wurden von den allerersten Entdeckern die Bäume gekennzeichnet, um den Rückweg durch den dichten Busch zu finden. Auch laden sie uns ein, Wanderungen über ihr Land zu machen und empfehlen einen Gang zum nahegelegenen Fluss. Das lassen wir uns nicht zweimal sagen und schon am nächsten Tag machen wir uns auf den Weg.
Dieser verschwindet allerdings schon nach ein paar hundert Metern und der Wald siehr aus, als sei hier seit vielen Jahren niemand mehr gewesen. Es ist ein bisschen unheimlich und alleine wäre ich sicher nicht weiter gegangen, aber zu zweit trauen wir uns und gehen tiefer in den Wald, dem Rauschen des Flusses entgegen. Und werden einige Kratzer und Stolperer später mit einer wunderschönen, wilden Flusslandschaft belohnt. Herrlich!! (Wir haben übrigens schön viel Krach gemacht, damit uns die tauben Schlangen und Spinnen hören und verschwinden…..hahahaha). Diese Wanderung war ein echtes Highlight.

Oh, und unsere Nachtfahrt war auch toll! Da holte uns doch besagter Nachbar spät abends mit seinem Auto ab und fuhr mit uns kreuz und quer durch die Gegend und zeigte uns Wallabies, Oppussums, Quails, Echidnas, Hasen und was sonst noch so kreucht und fleucht. Wir haben in der halben Stunde Fahrt sicher dreissig oder mehr Wallabies gesehen!

Nachdem ich dem ersten Schrecken zum Trotz nun doch zwölf Tage geblieben bin und mich mit einigen meiner Werte und Urteile auseinandergesetzt habe, beschliesse ich, dieses gastliche Haus bald zu verlassen und mir den Rest von Tasmanien wieder auf eigene Faust anzuschauen.

Unser Abschied fällt herzlich – freundlich aus, aber diesesmal gibt es keine Tränen und auch keinen Abschiedsschmerz. Hier gehe ich leichten Herzens weg. Gespannt schaue ich jetzt nach vorn, was auf mich zukommt.

……ein leeres Hostel, Transportschwierigkeiten, eine unvermutet glückliche Begegnung, Fischgründe und viele, viele Bäume…….

 

 

6 Gedanken zu „Tasmanien 2 – Arbeiten auf einer Farm“

  1. Lustige Geschichte mit deiner Unterkunft, konnte mich richtig gut in deine Situation rein empfinden. Aber um so schöner, wenn man noch einen Leidgenossen an seiner Seite hat. Viel Spaß noch und wärmeres Wetter auf deiner Reise…

    1. Danke, mein Lieber! Schön, dass du auch hier mit dabei bist! Das Wetter ist in diesem Teil der Welt allerdings ein Thema für sich…. 😉

  2. Go Nicole go! Auch dieser Reisebericht hat es mir wieder sehr angetan. Ich finde es schön, daß du unterschiedliche Erfahrungen machen darfst und nicht immer nur „die Sonne scheint“! Grade diese Wechsel erweitern unser Erfahrungsspektrum ungemein. Ich freue mich mit dir auf deine nächste Station!
    Besitos y abrazos, Werner

    1. Genau so ist es! Der Wechsel machts und manchmal darf es auch ein bisschen holprig sein. Schliesslich will man sich ja auch in verschiedenen Situationen „kennen lernen“. Und immer nur „schön“….naaaaa, da verweichlicht man ja total! 😉

  3. Mein liebes Nicoli! Ja, es ist nicht immer alles rosa, aber auch aus dem hast du Gutes gewonnen und Schönes mitgenommmen.
    Übrigens…ein sehr interessanter Schlusssatz….bin gespannt, auf die unvermutet glückliche Begegnung und freu mich jetzt schon auf die Fortsetzung!
    Alles Liebe aus dem zur Zeit sehr frühlingshaften Bayernländle…von Brigitte

    1. Hahaha, ja! Das glaube ich, dass ich da jetzt ein bisschen Neugier wachgekitzelt habe! Aber noch wird nix verraten…. 😉

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